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Komplexität überfordert die Verhandlungspartner Wieso die EU Partner sich so schwer mit der Krise tun

Die EURO Gruppe ist zu einer Einigung gekommen. Diese Nachricht bestimmt den Wochenauftakt. Je nach Vorbefaßtheit reagieren die Menschen in Europa mit Erleichterung oder Verärgerung über den Ausgang der Verhandlungen der Eurogruppe in Brüssel.

Am Ende hat es keine Gewinner gegeben - es sei denn man sieht Europa als Gewinner an. Die Europäische Einigung ist immer nur durch Krisen vorangekommen und auch diesmal scheint es im Moment so, als ob Europa am Ende doch noch einmal gemeinschaftlich handlungsfähig geworden ist.

Aber wieso tun sich die Politiker in Europa so schwer damit, Lösungen zu schaffen, mit der alle Beteiligten leben können. Eine Erklärung findet sich im dem was wir den Unterschied zwischen linearen System und komplexen Systemen nennen. In linearen System verhalten sich Ursache und Wirkung proportional zueinander. Hier geht es um richtig und falsch, oder in der Sprache von Bürokraten und vielen Politikern um anordnen und kontrolliere. Dieser Logik folgten auch die Verhandlungsstrategien der Repräsentanten Europas in Brüssel in den letzen Jahren, Monaten, Wochen und Tagen. Politische System sind jedoch komplexe Systeme mit einer Vielzahl von Rückkoppelungen und sogenannten Unschärfen, also Bereichen, die sich nicht einer einfachen linearen Kausalität unterwerfen, sondern zu spontanen, nicht vorhersehbaren Folgen führen. Dachte man früher noch, das man derartige Friktionen in den Griff bekommen würde, wenn man nur alle Fakten kennen würde, so wissen wir heute, dass wir mit dieser Unsicherheit leben müssen. Die Systemtheorie stellt hierzu bereits eine Vielzahl von Erkenntnissen zur Verfügung, wie wir komplexe Systeme, die wir selbst geschaffen haben, beeinflussen können. Das Wetter, die Börse oder auch die EU sind derartige komplexe Systeme, die sich nicht voraussagen lassen. Um sie zu beeinflussen, müssen wir ihre Selbstorganisation verstehen und für den politischen Bereich bedeutet das, einen entscheidenden Schritt von "anordnen und kontrollieren" zu "verstehen und annehmen". 

Während in der Wirtschaft bereits vielfältige Beispiele für sich selbstorganisierende Einheiten und ganze Unternehmen existieren, beruht der politisch-staatliche Bereich immer noch auf dem Denken des 19. Jahrhunderts und glaubt nach wie vor fest daran, dass sich Politik machen und steuern lässt. Konstituierend für die Politik ist nach wie vor die Maschinenmetapher, während ein systemtheoretischer Ansatz eher von einem lebenden Organismus sprechen würde.

Die derzeitige Krise der EU zeigt daher für mich, dass Europa an einem Punkt angelangt ist, an dem unsere politische Kultur den nächsten Schritt hin zu einer systematischen Sichtweise gehen muss, um zukünftig wieder das Heft des Handelns in der Hand haben zu können. 

Im rbb-Tagesthemen war Dr. Thomas R. Henschel als Experte für Verhandlungsstrategien gefragt. Das ganze Gespräch (30') können Sie auf rbb-Kulturradio selbst anhören.